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Wissen und Können wird zu Musik!


Der reiche Klang alter Legierungen – spielen wie Gottfried Reiche

Wie mag es wohl geklungen haben als Gottfried Reiche das Brandenburgische Konzert Nr. 2 von Johann Sebastian Bach gespielt hat? Natürlich sind Werk, Interpret und Komponist in dieser Fragestellung austauschbar. Posaunisten und Hornisten stellen sich entsprechende Fragen. Die Auseinandersetzung mit solchen Themen hat die Klangschönheit alter Instrumente überhaupt erst in unser heutiges Erleben gebracht. Einen wesentlichen Aspekt bildet in dieser Hinsicht natürlich auch das heute zur Verfügung stehende, geeignete Instrumentarium. Eine äusserst interessante Fragestellung beim Nachbau historischer Instrumente ist eben das Erreichen von einem Höchstmass an Reproduzierbarkeit des Klangs. Jüngste Forschungen haben ergeben, dass dabei neben der rein handwerklichen und der Mensur-Komponente auch die Wahl der verwendeten Messinglegierung eine tragende Rolle spielt.

Diesen "letzten Geheimnissen" der historischen Originale auf die Spur zu kommen, bleibt eines der spannendsten Aufgabenfelder von Instrumentenbauern, die sich mit solchen Nachbauten befassen. Hier eröffnet sich ein faszinierendes Zusammenspiel von Musikgeschichte, Materialforschung und Instrumentenbau. Wir waren diesbezüglich an zwei für uns wichtigen Projekten beteiligt. Im Rahmen des Forschungsprojektes der Hochschule der Künste Bern wurden gezielt Legierungen sowohl von Instrumenten aus der Zeit des Barock im Nürnberger Raum (Hochburg des damaligen Blechblasinstrumentenbaus) als auch von romantischen Instrumenten aus Frankreich (regionaler Schwerpunkt von Instrumentenentwicklungen im 19. Jahrhundert) analysiert. Etwa zeitgleich hat sich Hannes Vereecke in seiner Dissertation intensiv mit der Materialfrage auseinandergesetzt. In der Folge wurden Legierungen hergestellt und verwendet, welche sich deutlich von heute gebräuchlichem Messing (Kupfer und Zink) unterscheiden. Durch die Beimengung von geringen Anteilen zusätzlicher metallischer Elemente wird "historisches" Messing reproduziert.

Es zeigte sich sehr deutlich, dass die Bearbeitung dieses Materials ein Umdenken und eine Anpassung der Fertigungstechniken erfordert. Um ans Ziel zu kommen braucht es wesentlich kleinere, langsamere und dadurch mehr Umformungsschritte. Geschick und Hingabe des Instrumentenmachers sind stark gefordert und die Ausschussquote ist hoch. Insgesamt wird man das Gefühl nicht los, dass da etwas nicht so ganz in die heutige Zeit passt. War das unser Ziel?

Erwartungsgemäss klingen die aus historischem Messing gebauten Instrumente tatsächlich anders. Die Resonanz der Musiker auf die Instrumente aus "historischem" Blech belohnt unsere Bemühungen und ist auf breiter Front sehr positiv. Die Charakteristik der Instrumente verhalte sich kongenial zu den Anforderungen, die die Werke aus den jeweiligen Epochen an die Interpretation stellen.


Französisches Blech:

Im Rahmen eines Forschungsprojektes mit der Hochschule der Künste Bern (HKB),finanziert durch den Schweizerischen Nationalfonds, wurden in Zusammenarbeit mit den zwei wichtigsten Schweizer Materialforschungsanstalten, EMPA und Paul-Scherrer-Institut, die Legierungen von diversen Französischen Romantischen Originalinstrumenten analysiert, um deren Auswirkungen auf den Klang von Blechblasinstrumenten zu untersuchen. Unser Material entspricht der am häufigsten vorkommenden Legierung.

Ziel war es, historischen Nachbauten noch mehr klangliche Authentizität zu verleihen, und für die HKB Romantische Französische Instrumente so authentisch wie möglich zu kopieren. Einem “historischen” Klang kann man durch historische Fertigungsmethoden und der richtigen Mensur schon recht nahe kommen, durch den Einsatz von entsprechendem Ausgangsmaterial erreicht man noch mehr Ähnlichkeit mit den Originalen. Aus diesem “Französischen Blech” bauen wir entsprechende Klassische und Romantische Instrumente.

Info:
http://www.hkb-interpretation.ch/index.php?id=47
http://www.hkb.bfh.ch/de/forschung/forschungsschwerpunkte/fspinterpretation/corchaussier 

Nürnberger Blech:

Die Legierungen, die in der Blütezeit des Nürnberger Instrumentenbaus verwendet worden sind, wurden in einer Forschungsarbeit von Hannes Vereecke vom Institut für Wiener Klangstil eingehend untersucht. Auf der Suche nach einem Hersteller für das “Französische Blech” haben wir eine Legierung entdeckt, die annähernd mit den Ergebnissen dieser Forschung übereinstimmt. Dieses “Nürnberger Blech” verwenden wir für verschiedene Renaissance- und Barockinstrumente.

Sehr interessant, aber auch aufwändig, war für uns die Erfahrung, dass uns das “Französische” und das “Nürnberger-Blech” eine noch langsamere Umformung abverlangen als das heute handelsübliche Messing. Diese Historischen Legierungen benötigen schon bei der Blechherstellung die zeitgemäße Arbeitstechnik. So wird die gewünschte Blechstärke teilweise durch Hämmern erreicht und auch das Schallstück und die gelöteten Rohre müssen nach alten Techniken hergestellt werden. Durch diese sanften Umformungsprozesse erlangt das Material außergewöhnliche Qualitäten. Die Struktur des Metalls wird verdichtet und hat im Vergleich zu modernem Blech deutlich andere Schwingungs- und Resonanzeigenschaften – spürbar im Spielverhalten und hörbar im Klang.